Freikirchen (Teil 4) – Mennoniten Weingarten und Wössingen - Mai 2010


Evangelische Freikirchen
Foto: Werner


Leidvolle Geschichte friedensbewegter Christen

Mennoniten in Wössingen und Weingarten leben ihren Glauben mit gänzlich unautoritären Gemeindestrukturen


Von Alexander Werner

Betrachtet man heute die beiden mennonitischen Gemeinden in Weingarten und Wössingen, die neben denen der evangelischen Kirche einträchtig in gegenseitigem Respekt das Evangelium verkünden, kann man sich kaum vergegenwärtigen, welch tiefe Gräben ihre Vorväter einst trennten.

Leidvoll war die Geschichte der Mennoniten, deren Ursprünge in der 1525 während der Schweizer Reformation entstandenen Täuferbewegung liegen. Lange wurden sie blutig verfolgt, vor allem, weil ihr Taufverständnis dem der Katholiken und anderen Reformatoren widersprach. Entgegen deren Überzeugung lehnten sie die Kindertaufe ab und praktizierten nur die Glaubenstaufe von Menschen, die sich bewusst für ein Leben in der Nachfolge Jesu auf der Grundlage der Bibel entschieden. Ihr Namen gab ihnen Menno Simons, der ab 1536 die jungen Gemeinden ordnete und eine pazifistische Theologie einbrachte, die bis heute ein spezifisches Merkmal aller weltweit aktiven Mennoniten geblieben ist.

Ein anderes ist das gänzlich unautoritäre, paritätische Gemeindeverständnis, das dem Gedanken vom „Priestertum aller Gläubigen“ verpflichtet ist und die spendenfinanzierte Eigenständigkeit und Unabhängigkeit noch deutlicher betont als andere Freikirchlichen. So dauerte es auch in der seit 300 Jahren ländlich und familiär geprägten Wössinger Gemeinschaft lange, bis sich vor etwa 20 Jahren überhaupt das Bewusstsein entwickelte, einer Freikirche anzugehören. Einfluss nimmt auch die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden nicht, der man sich anschloss. Schon ein ganze Weile suche die Gemeinde vergeblich einen Teilzeit-Prediger, wie Martin Unterweger berichtet, der dem vierköpfigen Leitungsteam angehört. Das versteht sich keineswegs als Führung. „Jedes unserer 40 Mitglieder hat seine Aufgabe und die Möglichkeit, sich einzubringen“, betont er. „Grundsätzlich gab es auch nie einen Pastor, sondern Laienprediger.“ Die Gemeindeaufgaben neben Arbeit und Familie zu stemmen, wurde jedoch immer schwieriger. Trotz eines Generationswechsels mit neuen Impulsen bereitet der Nachwuchs Sorgen. Eine Prediger, so hofft man, könnte frischen Schwung bringen.

Die Nähe zum Pietismus und gemeinsame biblische Grundwerte verbindet alle Mennoniten. Das Prinzip der Friedenskirche etwa reicht vom Gewaltverzicht und der Wehrdienstverweigerung bis ins Private. „Wir wollen alle Konflikte friedlich und einvernehmlich lösen“, so Unterweger. Dennoch gebe es eine große Bandbreite und Unterschiede wie beispielsweise bei der Taufe,. „Wir erkennen auch die Taufe von Kindern an und drängen niemanden zu einer neuen, wenn er sie für sich annimmt.“

Ganz anders bei der ursprünglicheren Weingartener Brüdergemeinde. „Wir akzeptieren die Kindstaufe nicht“, sagt Juri Krieger, der dem Ältestenkreis angehört und auch die Aufgaben eines Pastors wahrnimmt, den es so in der brüderlichen Leitung und mit dieser Bezeichnung in der Gemeinde gar nicht gibt. Die Glaubenstaufe sei neben anderen eine Vorrausetzung für eine feste Mitgliedschaft. „Kommt jemand, sprechen wir mit ihm und er kann sich frei entscheiden“, so Krieger. Dies allerdings geschieht äußerst selten, denn die Gemeinde ist mit ihren 170 Mitglieder und einer großen Zahl von Kindern und Jugendlichen eine sehr homogene und in sich geschlossene. 99 Prozent sind Russlandsdeutsche auch aus den umliegenden Orten, die 1992 in Stutensee eine Gemeinde gründeten und 2000 in Weingarten eine neue Heimat fanden. Während man sich in Wössingen mittlerweile in der Räumen der Liebenzeller Gemeinschaft trifft und Gottesdienst feiert, weihte die Weingartener Brüdergemeinde 2002 dort ihr großes Gemeindezentrum ein.

Historisch wurzelt sie in der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts mit einer noch heute spürbaren Nähe zum Pietismus. Die Zahl russlanddeutscher Mennoniten, die hierzulande auf über 200 000 geschätzt wird, übersteigt die alteingesessener heute bei weitem. Viele haben sich nach ihrer Rückkehr im Geist ihrer Wurzeln zu Brüdergemeinden zusammengeschlossen, wie in Weingarten, wo man in der Regel unter sich bleibt, auch ohne Bindung an einen Verband. Juri Krieger erinnert sich noch gut, welch schweren Stand Mennoniten in der Sowjetunion auch noch lange nach der stalinistischen Unterdrückung hatten. Gerade junge Männer, die den Wehrdienst verweigerten, hatte bis zuletzt viel zu erleiden. Dankbar denkt er daran zurück, „wie warm und hilfsbereit“ alle einst in Stutensee „von den evangelischen Geschwistern aufgenommen wurden“. Doch die Gemeinde ging dann ihren eigenen erfolgreichen Weg, der sich auch in der regen Jugendarbeit offenbart.
Alexander Werner

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