Gekennzeichnet als Fahrschule schlängelt sich einige Kilometer vor Lhasa ein Konvoi leichter Militärfahrzeuge LKWs und Jeeps die Straße entlang. Junge, fast unbedarft wirkende chinesische Soldaten mustern ausländische Besucher in ihrem Reisebus neugierig lächelnd. Die, nicht weniger neugierig, suchen in den Gesichtern der Chinesen irgendeinen Hinweis auf das, was sie in Lhasa erwarten könnte. Für fast alle war es nach den geplatzten Reisen des Vorjahrs der zweite Anlauf, das Land kennenzulernen.

In der Hauptstadt selbst pulsiert das Leben, der Handel, die Lage wirkt entspannt. Die Menschen sind freundlich und unverkrampft, gehen auf die Touristen zu, mischen sich unter sie, betrachten Sie interessiert, lauschen Ihren Gesprächen, ohne ein Wort zu verstehen, Kinder tuscheln über die Fremden und lassen sich begeistert fotografieren.

Lhasa erscheint noch moderner, ordentlicher und sauberer als einigen Jahren. Die Spuren der Unruhen von 2008 sind weitgehend beseitigt, allein ein ausgebranntes Haus zeugt von den gewalttätigen Ausschreitungen. Sehr schnell hatten die Chinesen die meisten Schäden behoben und die zerstörten Gebäude renoviert. Im Stadtzentrum drängen die Pilger zum Dschokhang-Tempel. Die Klöster und der Potala-Palast sind wieder zugänglich. Alle Läden haben geöffnet und die vielen zeitweilig verbotenen Verkaufsstände sind ins Zentrum auf der inneren Pilgerstraße um den heiligsten aller Tempel zurückgekehrt.

Dschonkang-Tempel

Und doch hat sich einiges verändert, seit vor einem Jahr in Lhasa eine Spirale der Gewalt die Welt alarmierte. Nach den Unruhen ist der chinesische Druck gewachsen, das Klosterleben scheint darunter zu leiden. Im Kloster Sêra disputieren weniger Mönche als früher, und in der weitläufigen Anlage von Deprung vor Lhasa sind die verschärften Überwachungsmaßnahmen unübersehbar, vor allem die reiche Zahl modernster Kameras. Geheimpolizei in Zivil gibt es jetzt vermehrt nicht nur hier, sondern auch in Lhasa. Neben festen Posten patrouillieren Sicherheitskräfte da wie dort. Doch weit weniger, als man vielleicht erwartet hätte. China will zwar Präsenz demonstrieren, ist aber sichtlich bemüht, den Eindruck eines ganz normalen Lebens in der Stadt zu vermitteln. Die Männer tragen keine Schusswaffen, wirken nicht bedrohlich. Sie zu fotografieren, ist streng verboten. Wer nur die Kamera auf sie richtet, wird blitzschnell kontrolliert. China will Ruhe in der Provinz, aber wie es den Anschein hat ebenso die meisten Tibeter. Auch deren wirtschaftliche Lage hat sich in Folge der Unruhen verschlechtert. Mit eine Rolle dabei spielt gewiss der Tourismus, für den 2008 ein denkbar schlechtes Jahr war. Auch sehr viele Tibeter leben in Lhasa davon.

Anfangen hatte 2008 alles mit friedlichen Demonstrationen buddhistischer Mönche, die die Rückkehr des Dalai Lama aus dem Exil und die Unabhängigkeit Tibets von China forderten. Bald danach kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen meist jüngerer Tibeter gegen chinesische Zivilisten und staatliche Einrichtungen. Erst dann reagierten die chinesischen Behörden hart, Sicherheitskräfte und Militär wurden nach Lhasa verlegt, Drepung, Gandain und Sêra, die drei größten Klöster in und um Lhasa, abgeriegelt und die Unruhen niedergeschlagen. Neben Verletzten und Verhaftungen soll es auch Todesopfer gegeben haben. Viele Staaten und die internationale Presse reagierten empört. Bald aber kamen Zweifel auf, ob die Lage und die Hintergründe wirklich richtig eingeschätzt wurden. Ohne primäre Informationen aus dem Land hatten sich viele Medien vorschnell auf fragwürdige und defizitäre Quellen gestützt. Eine zentrale Frage dabei blieb auch die Glaubwürdigkeit exiltibetischer Berichte. Für die chinesische Führung waren die Schuldigen an der Misere schnell ausgemacht. Sie gab dem Dalai Lama, seiner Clique und separatistischen exiltibetischen Gruppierungen die Schuld an den Unruhen, die gezielt im Vorfeld der in China ausgetragenen Olympischen Spiele geschürt worden seien. Der Dalai Lama wies dies von sich und forderte die Tibeter umgehend und nachdrücklich zum Gewaltverzicht auf. Welchen Einfluss er heute aber auf radikale exiltibetische Kreise tatsächlich noch hat und was er selbst für Ziele verfolgt, ist durchaus umstritten.

Tibet Dorfschule

Während im Ausland die Wogen hoch gingen, reagierte die chinesische Öffentlichkeit fassungslos und entrüstet auf die internationalen Angriffe. Waren nicht die meisten Opfer Chinesen, Händler, die von tibetischen Plünderern ermordet und deren Häuser und Geschäfte angesteckt wurden? Werden so nicht Täter zu Opfern gemacht? Böse Tibeter, ungerechte Ausländer, urteilt eine Pekinger Studentin kopfschüttelnd und ist mit dieser Ansicht nicht allein. Nun gibt es in China wenig Menschen, die eine Ahnung von Tibet haben. In den Zeitungen ist darüber nichts oder kaum etwas zu lesen. Dass Tibet ein untrennbarer Bestandteil der Volksrepublik ist, bezweifelt kaum jemand, wohl auch nicht die Überzeugung eines Taxifahrers in der alten Kaiserstadt Xian, dass die Tibeter ohne China in wenigen Wochen verhungern würden.

Tatsache bleibt die schwer nachvollziehbare Gewalt gegen chinesische Zivilisten. So mancher Tibeter erkennt hinter diesen Ausschreitungen junger Leute weniger politische als soziale Motive. Ein 40-jähriger Familienvater, der einst vom Land kam und sich in Lhasa eine bürgerliche Existenz aufbaute, beurteilt es so:  Viele Kinder, die in der Stadt zur Schule gehen, wollen später nicht mehr in ihre Dörfer zurück, mit der Folge, dass in der Stadt die Arbeitslosigkeit wächst. Viele Jugendliche sind davon betroffen. Ihr Frust entlud sich, das war der eigentliche Grund der gewalttätigen Unruhen. Der Mann wirkt bedrückt und gleichzeitig engagiert, wenn er in gebrochenem Englisch über seine Heimat spricht. Misstrauisch beäugt er zwei Männer, sie sich in der Kneipe ein Stück entfernt an einen Tisch setzen. Er mag nur sprechen, wenn er sich unbelauscht fühlt. Auch er fürchtet die Geheimpolizei, aber im Grunde nicht die Chinesen. Vor den Unruhen konnte man hier sehr gut und frei leben. Und das wollen die Tibeter in Frieden und Zufriedenheit. Deswegen, meint er, sehen viele Tibeter nichts Gutes in den Aktivitäten der Exiltibeter. Es verschärft nur den Druck auf die in Tibet lebenden Tibeter.

Etwa 2,5 Millionen Tibeter, rund 90 Prozent der Bevölkerung, leben laut offiziellen chinesischen Zählungen im autonomen Gebiet Tibet. Exiltibeter sprechen von wesentlich mehr Chinesen, deren Zahl die der Tibeter in den Städten mittlerweile überschreite. Auch der 40-jährige Mann aus Lhasa schätzt den Anteil der Tibeter in Lhasa auf nur noch 60 Prozent.. Umso mehr bedauert er, dass Ehepaare in der modernen Stadt Lhasa mit ihren rund 450 000 Einwohnern heute oft nur noch ein Kind oder gar keines mehr wollen, obwohl sie als ethnische Minderheit nicht von der chinesischen Ein-Kind-Regelung betroffen sind. Seine Kritik trifft auch hier Exiltibeter, die ihrer Heimat ohne wirklichen Zwang den Rücken kehrten und weiteren Emigrationen Vorschub leisten. Längst ist auch China für Tibeter ein beliebtes Ziel. Dort locken Studien- und attraktive Arbeitsplätze.

In Tibet sind die Uhren nicht stehen geblieben. Der chinesische Einfluss bewirkt, dass sich auch Tibeter ein besseres, leichteres und unabhängigeres Leben wünschen und es vielfach auch führen. Die tiefe religiöse Verwurzelung der Menschen im Buddhismus aber ist allgegenwärtig. Sie achten auf kleine Zeichen. Jeder Hund, jede Katze könnte eine Wiedergeburt sein. Selbst der kleine Junge, der seinen Vater beim Frühstück plötzlich mein Kind nennt, die der verstorbenen Großmutter. Tiefgläubige Pilger vom Land strömen in die Klöster und zu den Heiligtümern Lhasas. Dennoch rücken in der Stadt viele junge Tibeter ab vom buddhistischen Glauben und ihre Eltern fürchten um Religion und Tradition. Eine Rückkehr des Dalai Lama, so hoffen sie, könnte der Religion neuen Auftrieb geben. Auch der Mann aus Lhasa wünscht sich die verehrte Lichtgestalt Tibets wie die meisten seiner Landsleute zurück. Aber was dann? Eine klare Vorstellung davon haben sie nicht.

Tibet ist ein Land der Widersprüche. Während in anderen Provinzen Chinas die ethnischen Minderheiten friedlich miteinander und mit den Chinesen leben und arbeiten, kommt Tibet nicht zur Ruhe. China macht dafür vor allem die Exiltibeter verantwortlich, die separatistischen Kräfte ebenso wie den Dalai Lama, der selbst keine Loslösung von China fordert. Eine weiter oder sehr weit reichende Autonomie aber bleibt für China so unannehmbar wie die Einbeziehung tibetischen Kulturraums außerhalb der autonomen Republik, die lediglich die Hälfte ethnisch tibetischen Gebiets umfasst. Eine gänzliche Selbstständigkeit bleibt für Chinesen undenkbar. Bis heute betrachten sie Tibet als historischen Bestandteil ihres Kulturraums und der Volksrepublik. Ihre Behauptung, dass dies schon immer so war, ist jedoch so wenig haltbar ist wie die mancher Exiltibeter, es sei nie so gewesen.

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