Chinas historische Ansprüche sind schwer einzuschätzen. Tatsächlich wurde Tibet erstmals im 13. Jahrhundert unter mongolischem Einfluss ein Teil Chinas, im 17. Jahrhundert betrachtete China das Land als Protektorat und im 18. Jahrhundert akzeptierten die Dalai Lamas die weltliche Führung der Chinesen. Erst mit dem Ende des Kaisertums endete die Loyalität des Dalai Lamas, der 1913 die Unabhängigkeit von China erklärte, dessen Position nach der Revolution im eigenen Land und durch den Einfluss der Briten geschwächt war. China indessen gab seinen Anspruch auf Tibet nie auf. Als 1950 die chinesische Volksbefreiungsarmee einmarschierte, um Tibet vom britischen, imperialistischen Joch zu befreien und es wieder dem Mutterland anzuschließen, gab es kaum Proteste im Ausland, das weiter von einer Schutzherrschaft Chinas über Tibet ausging. Die wachsenden Unzufriedenheit der Tibeter mit chinesisch-sozialistischen Reformen mündeten in den Aufstand 1959, der blutig niedergeschlagen wurde und zur Flucht des heutigen, 14. Dalai Lama nach Indien führte. Während China wähnte, das Volk vom Joch der Ständegesellschaft befreit zu haben, beklagten die Tibeter einen Verlust ihrer Identität und ihrer Traditionen, aber vor allem die Abwesenheit des Dalai Lama.

Der Konflikt zwischen Exiltibet und China schwelt weiter. Eine Lösung, eine Übereinkunft ist nicht absehbar. Kritiker im Ausland werfen China vor, lediglich auf Zeit zu spielen, bis sich ihr Problem von selbst erledigen könnte. Denn der charismatische und medienwirksame Dalai Lama ist alt. Stirbt er, muss seine Reinkarnation, ein Neugeborenes, gefunden werden. Wo immer das sein mag, ob in Tibet oder wie jetzt schon vom Dalai Lama eingeräumt wird, möglicherweise im Ausland, bis der neue Dalai Lama erwachsen ist, vergehen viele Jahre. In dieser Zeit herrscht ein Vakuum. Das sollte eigentlich der Panchen Lama, der geistige Führer Tibets füllen, zu dessen Aufgaben auch gehört, den neuen Dalai Lama, den weltlichen Führer Tibets, zu bestätigen und zu erziehen. Doch der offiziell von den Chinesen propagierte und protegierte Panchen Lama ist umstritten und wird von den meisten Tibetern nicht als solcher akzeptiert. Der vom Dalai Lama anerkannte, aber nach chinesischer Intervention ersetzte, ist seit Mitte der 90er-Jahre verschollen.

Käme der Dalai Lama zurück, so bliebe ihm als einer rein geistlichen Autorität auf jeden Fall jeglicher offizielle politische Einfluss verwehrt. Tibet hat sich seit seiner Flucht verändert. Eine Rückkehr zur alten feudalistischen Gesellschaft kann auch er nicht wirklich wollen. Diese mit ihrer Unterdrückung, Unfreiheit und Ausbeutung der Menschen abgeschafft und eine zuvor ungekannte Freiheit gebracht zu haben, ist ein wesentliches Argument der Chinesen, wenn ihnen Missachtung der Menschenrechte und Zerstörung tibetischer Traditionen vorgeworfen wird. Und wie könnte oder sollte ein iimaginär selbstständiges Tibet unter Führung des Dalai Lama aussehen? Etwa demokratisch im westlichen Verständnis?

Die Widersprüche Tibets finden sich in den Köpfen der Menschen wider. Nicht wenige haben während der Kulturrevolution geholfen, Kulturschätze und Heiligtümer zu zerstören. Und auf dem Land begegnet man einer unerwarteten Verehrung von Mao Zedong, ein Bodisattva gar, ein Erleuchteter, der die Menschen vom Joch des Adels befreite.

Sakya-Kloster

Im Wohnzimmer eines Bauern weitab der Hauptstadt hängt Maos Foto neben denen des großen Reformers Deng Xiaoping und des vorletzten Staatspräsidenten Jiang Zemin. Eine Pflicht zwar, aber keine, die er als Zwang empfindet. Die Großmutter serviert Buttertee, Zampa fein gemahlene Gerste, Tschura Käsekringel und getrocknetes Yakfleisch. Die Familie, zwei Kinder, Eltern und Großeltern, ist sehr gastfreundlich. Sie leben einfach, aber gut, wirken zufrieden. Sie sind stolz auf ihr schönes Häuschen, die paar Tiere, die jetzt nach staatlicher Verordnung nicht mehr im Untergeschoss mit ihnen unter einem Dach, sondern in Hof und Stall leben. Doch so manchen Bauern plagen Sorgen, wenn er sich zwar ein Haus mit einem staatlichen, zinslosen Teilkredit leisten kann, es dann aber vielleicht nicht schafft, den in fünf Jahren zurückzuzahlen. Auch Krankheit kann die Existenz gefährden. Angestellte in der Stadt sind versichert, die Mensch auf dem Land nicht. Muss man ins Krankenhaus, werden vorab 3000 Yuan fällig. Wer nicht bezahlt, wird nicht behandelt.

Vieles ist noch zu tun. Unbestritten haben die Chinesen Positives geleistet, die Lebensqualität verbessert, Schulen und Krankenhäuser gebaut. Ohne sie gäbe es keine Infrastruktur. Der große moderne Bahnhof bei Lhasa, der in dem die Züge der Tibet-Bahn aus Peking ankommen, ist dafür nur ein markantes Aushängeschild, der Straßenbau ein anderes. Die Straße nach Lhasa über den knapp 5000 Meter hoch liegenden Kamba-La-Pass ist erst wenige Jahre alt. Unweit von Zhangmu an der nepalischen Grenze in Richtung New Tigrit beim Mount Everest läuft ein Großprojekt. Mit enormen Einsatz an Menschen und Maschinen werden die mühseligen alten Hoppelpfade asphaltiert. Und das schnell und konsequent. Tagsüber wird die Schotterpiste im Bau ohne Umleitungen zwölf Stunden gesperrt. Wer durchfahren will, muss entweder nachts aufbrechen, über gute Beziehungen verfügen oder am Schlagbaum Überredungskünste beweisen.

Ob der soziale, technische und wirtschaftliche Fortschritt ein Segen ist oder nur den Verlust der tibetischen Identität beschleunigt, daran scheiden sich so manche Geister und gerade viele Mönche, einfache Menschen vom Land und Nomaden können oft wenig damit anfangen, andere nutzen und begrüßen die Vorteile und neuen Chancen. Tibet befindet sich auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Die vermeintliche, so friedfertige und vergeistigte Idylle, wie sie im Westen oft verklärt heraufbeschworen wird, aber so nie existierte, ist, ohne es zu wollen, nun in einer wohl unlösbaren und Arrangements gebietenden Symbiose mit China im globalisierten 21. Jahrhundert angekommen.

Sicherlich sollte China mehr Feingefühl und Verständnis die besondere Situation Tibets entwickeln, für tibetische Identität und Empfindlichkeiten, für die religiösen Bedürfnisse und dies politisch verantwortungsvoll und klug umsetzen. Die Menschen beider Völker können ohne Hass, Feindschaft und Misstrauen friedlich zusammenleben. Dies wird eben gerade in Lhasa trotz der Unruhen offenbar. Auf der anderen Seite sind nicht nur die medienverwöhnten Exiltibeter mit ihrem vehementen, vielfach nicht hinterfragten Einfluss auf die internationale Sicht auf Tibet in der Pflicht, die Lage zu entspannen. China ist eine Land, das sich nach einer schwierigen und leidvollen Geschichte im Aufbruch empfindet und im Westen oft zu emotionsgeladen und nicht ohne Vorurteile betrachtet wird. Diese abzubauen, den Weg eines konstruktiven Dialogs und objektiver Kritik zu finden, sollte ein Ziel westlicher Staaten und ihrer Medien sein.

 

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